Mittwoch, 26. August 2015

Begegnung in Bangkok



Viel sind wir gereist im August, unter anderem nach Thailand und Südafrika.
Beeindruckendes haben wir gesehen. Bewegendes, Faszinierendes, Buntes und Außergewöhnliches.
Von diesen großen und kleinen Abenteuern berichte ich euch gerne in Kürze mit Bildern.
Vorher möchte ich allerdings noch eine Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Begegnung in Bangkok, die meinen Mann und mich berührt hat und uns nach wie vor beschäftigt. Es ist die wahre Geschichte eines Wirtschaftsflüchtlings.

Flüchtlinge? Schon wieder? Ja!
Viel wurde in den letzten Tagen geschrieben und gedreht über Menschen in Not. Flüchtlinge, von denen ein kleiner Teil nach Deutschland strömt. Aus Syrien, dem Irak, aus Afrika und dem Balkan. Ein kleiner Anteil verzweifelter Menschen, der für viele schon zu groß ist. Flüchtlinge, die Proteste und Unmut auslösen. Und immer öfter lese ich, wie fein säuberlich getrennt wird in Deutschland als ginge es um Restmüll. Kriegsflüchtlinge - gehen (im besten Fall) grade noch. Wirtschaftsflüchtlinge? Weg mit denen! Sollen sie doch ihre eigene Wirtschaft ankurbeln, sich selbst etwas aufbauen. Wir haben keine Verwendung für sie. Wollen sich hier einfach ins gemachte Nest setzen. Aber nicht mit uns. Das Boot ist voll!

Lang haben wir gesprochen mit einem Flüchtling aus Burma (auch Birma oder Myanmar).
Wir standen auf einer gemeinsamen Fahrt durch Bangkok mit ihm im Stau und sprachen ihn auf sein gutes Englisch an. Wo er das gelernt hätte. Und so erfuhren wir Stück für Stück die Geschichte eines beeindruckenden jungen Mannes, der kämpft und rudert seit seiner Geburt. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Ein Kampf für ein besseres Leben, dessen Erfolgsaussichten gering sind.
Sein Antrieb bleibt: Er ist die Hoffnung.

Sonntag, 16. August 2015

Wie wir schnullerfrei wurden- die etwas andere Methode

Warum der Schnuller abgewöhnt werden musste

Meine 3-jährige war seit jeher ein Schnullerkind.
Nicht ständig und in jeder Situation, allerdings ging das Einschlafen niemals ohne. Und auch zum Trösten war der Nuckel für sie unverzichtbar. Sobald sie Schmerzen hatte oder emotional aufgewühlt war, verlangte sie nach ihm.
Nun möchte man ja als Eltern spätestens ab dem 2. Geburtstag langsam aber sicher die lästige Keimschleuder aus dem Kinderzimmer verbannen, nachts beim Kuscheln kein Hartplastik im Kreuz spüren und unbedarft das Haus für längere Zeit verlassen können, ohne regelmäßig akrobatische Meisterleistungen vollbringen zu müssen, um den folgenschweren Schnuller-Fall in den nächsten Gullischacht zu verhindern. Vor allem aber malt der besorgte Elter sich mit zunehmender Nutzungsdauer Horrorszenarien verformter Kiefer und Zahnfehlstellungen in den buntesten Farben aus. In meinem Fall kommt erschwerend die regionale Belastung hinzu- ich bin sparsamer Schwabe und ertrage es nicht, sehenden Auges auf eine unnötig kostspielige kieferorthopädische Behandlung zuzusteuern.

Kläglicher Versuch - ohne Druck mit der magischen Schnullerfee

Nun kenne ich mein Kind ja schon ein paar Tage und so war mit vollkommen klar, dass mit Drängen und Bitten oder gar Druck so gar nichts gehen wird. Daher habe ich nun ein halbes Jahr lang versucht, meinen Zwerg sanft auf die Trennung vom heißgeliebten Schnuller vorzubereiten.
Es entstand der Mythos der gönnerhaften Schnullerfee, die saugende Kinder erst dann im Schlaf heimsucht, wenn diese aus freien Stück dazu bereit sind, ihre Schnuller abzugeben und im Gegenzug einen kleinen Herzenswunsch erfüllt. Das fand meine Tochter äußerst praktisch, denn mangels aktuellem Herzenswunsch war die Notwendigkeit der Herausgabe für sie nicht gegeben.
Nun trug es sich zu, dass mein stures Kind sich diesen Sommer beim Baden Hals über Kopf in die Pool-Noodle eines Nachbarkindes verliebte. So eine wollte sie auch haben (in pink versteht sich). Ich witterte meine Chance, gab den Wunsch umgehend und pflichtbewusst an die Schnullerfee weiter, die daraufhin ihren Besuch innerhalb der nächsten Tage ankündigte. Der Zwerg wurde über den Stand der Dinge informiert und reagierte durchaus positiv auf die bedeutenden Neuigkeiten.
Sofort wurden sämtliche Schubladen und Taschen akribisch durchkämmt, alle Schnuller zusammengetragen und in einem Beutel zur Übergabe vorbereitet. Alle- bis auf einen.
Diesen "Notschnulli" legte sich der Zwerg unters Kopfkissen - wie solle sie denn sonst schlafen?!
Es verstrichen 2 Nächte ohne Schnullerfee. Diese weiss nämlich genau, wenn nicht alle Schnuller im Beutel sind. Spontan entschied sich meine Tochter also vor dem Schlafengehen am dritten Tag, das auch der letzte Schnuller in den Beutel wandern könne- sie sei bereit.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Ohne Gequengel oder Meinungsumschwung schaffte sie es, nach einer Stunde im Bett auch ohne Schnuller einzuschlafen.
Ich fühlte mich großartig, das monatelange Reden mit Engelszungen hatte sich also doch ausgezahlt. Gegen Mitternacht ließ Supermom euphorisch den Schnuller-Beutel verschwinden und tauschte ihn gegen 2 (Mütter mit Geschwisterkindern wissen wieso) pinkfarbene Pool-Noodles Pool-Noodlen Poolnudeln (I <3 Anglizismen) aus.

Der Inbegriff eines Dramas

Um 1 Uhr morgens tönte ein ohrenbetäubender Lärm aus dem Babyphon. Der Zwerg hatte schlecht geträumt (was wirklich selten vorkommt aber ihr kennt ja Murphy's law...) und war völlig außer sich.
Desorientiert brüllte sie wirres Zeug ("Anhalten! Es dreht sich zu schnell!!!!") und ließ sich erst nach einer gefühlten Ewigkeit in die Realität zurückholen und beruhigen. Schluchzend und völlig verwirrt versuchte das Häufchen Elend wieder einzuschlafen. Tastende Finger und dann DIE Frage "Wo ist mein Schnuller???"
Sanft und tröstend rief ich das bevorstehende Ereignis in Erinnerung "Aber den hast du doch abgegeben. Du weißt doch, heute Nacht wollte die Schnullerfee kommen...." 
Der Zwerg sprang auf, stürmte in den Flur und murmelte etwas von "lieber erst morgen".
So nahm das Schicksal seinen Lauf. Eilig wankte ich hinterher um das Schlimmste zu verhindern, doch es war bereits zu spät. Nach einem 2-sekündigen Strahlen über die Entdeckung der Poolnudel folgte ein herzzerreißender Schrei der Verzweiflung, der die Nacht des Grauens einläutete.
Um es kurz zu machen: Bis 4 Uhr morgens folgte ein Meer aus Tränen, Millionen beruhigender Worte, ein wachgewordenes Geschwisterkind, eine defekte Klospülung, mehrere erfolglose Suchen nach dem Schnuller der Babypuppe inklusive ausgekippter Schubladen und Spielzeugkisten, eine selbstgebastelte Attrappe aus Küchenkrepp und Frischhaltefolie (fragt nicht) und eine Mutter, die dank innerlichen Nervenzusammenbruchs wohl nicht ganz überzeugend war in der Rolle des souveränen Situations-Meisters. Der Mann war übrigens nicht zu Hause aber das dachtet ihr euch bestimmt bereits (Murphy's law und so...).

Sinneswandel - die hässliche Wahrheit

Der folgende Tag begann übermüdet, gerädert und mit großer Enttäuschung des Zwergs über sich selbst ("Es hat überhaupt nicht geklappt mit ohne Schnuller zu schlafen"). Für einige viel zu kurze Stunden überwog dann die Freude über ihr Geschenk, das ja tatsächlich ein Herzenswunsch gewesen war. Nach dem Kindergarten stürmten wir also den Pool, um unser neues Equipment zu testen.
Doch es kam wie es kommen musste mit der Nachmittags-Laune eines Kleinkindes, das die Nacht zuvor kaum geschlafen hatte. Erst kippte die Poolnudel, dann die Stimmung.
Ein übermüdetes Kind wimmerte auf meinem Schoß und war todunglücklich angesichts der Aussicht auf eine weitere Nacht ohne Schnuller.
Verzweifelt versuchte sie, Lösungen zu finden. Könnten wir nicht einen Schnuller von irgendeinem Baby ausleihen? Im Supermarkt einen neuen kaufen? "Unmöglich!", versuchte ich ihr klar zu machen. Doch im Warum-Alter lässt kind sich mit einer unbegründeten Antwort nicht so einfach abspeisen und so wusste ich mir auf die Frage nach dem Grund dank Schlaf- und Fantasiemangels nicht anders zu helfen, als mit der Wahrheit herauszurücken.
"Weil du sonst noch ganz krumme Zähne bekommst", erklärte ich kurz und knapp.
Der Zwerg stutzte. Krumme Zähne? Wie geht denn sowas? Wie sehen die denn aus? Kann ich die irgendwo sehen? Ratlos und leicht entnervt zückte ich mein Handy. Die Bildergebnisse der Google-Suche "krumme Zähne" retteten mich. Fasziniert und leicht entsetzt scrollte meine Tochter durch die Galerie. Wir unterhielten uns an diesem Nachmittag ausgiebig und nüchtern über die krummen Zähne von vielen Menschen, einigen Tieren und sogar Faschingsmasken. Wir spekulierten über mögliche Ursachen ("Vielleicht hat seine Mama vergessen ihm zu sagen, dass er seinen Schnuller abgeben soll.") und Folgen ("Jetzt vergisst die Schnullerfee bestimmt nicht mehr, dass man auch Esels besuchen muss").
Dieser Nachmittag ist mittlerweile 2 Wochen her. Seitdem hat meine Tochter nie mehr nach einem Schnuller verlangt. Sie unterhält sich immer noch gerne über krumme Zähne, doch ich habe das Gefühl, das Thema ist für sie bald ausreichend durchleuchtet.

Mal wieder ist mir klar geworden, dass Kinder oft mehr Wahrheit vertragen, als wir ihnen zumuten wollen. Grundsätzlich würden wir sie gerne vor der großen, bösen Welt beschützen und ihnen ein Leben voller Regenbogen und Happy Ends bieten. Durch ihren unbefangenen Pragmatismus können Kinder jedoch mit logischen Argumenten meist mehr anfangen, als mit abstrakten, weichgespülten Ausreden (auf dem Spielplatz hörte ich mal das Argument "sonst weinen die Wolken"). Und bevor einer fragt: Albträume haben die Fotos von Zahnfehlstellungen nicht verursacht. Die Bilder haben einfach nur eine mögliche reale Konsequenz auf eine unliebsame Angewohnheit deutlich gemacht und diese Einsicht hat meine Tochter auf gewisse Weise "geheilt".
Am Ende lief zwar alles etwas anders als geplant, doch mit diesem Resultat feiere ich mich gerne ein weiteres Mal als Heldin der Verzweiflungstat.

Welche "Methoden" habt ihr zur Schnuller-Entwöhnung angewandt?