Freitag, 16. Januar 2015

Lasst meine Kinder europäische Patrioten werden!



Freiheit? Hier nicht!

Lange Zeit schon spiele ich mit dem Gedanken, politische Gedankenzu veröffentlichen . Doch wir leben in der Türkei. In Istanbul, einer westlich geprägten, offenen Millionenmetropole mit Bars und Discotheken, mit Miniröcken und Starbucks. Doch der Schein trügt, wenn es um Politik geht. Es ist nämlich gar nicht so einfach, seine Meinung kundzutun, wenn man in einem Land lebt, dessen Gefängnisse nicht nur mit Kriminellen, sondern auch mit Journalisten gefüllt sind. Ein Land, das Meinungen verbietet und selbst Giganten wie Facebook und Twitter mit Zensurvorgaben in die Knie zwingt. Ein Land, in dem selbst ein kritischer Tweet von 140 Zeichen eines Bloggers mit einem Monatsgehalt Bußgeld gestraft werden kann.

Schwierig ist es für mich als Deutsche, mir den Mund bzw. Blogposts verbieten zu lassen. Bin ich doch in einer Welt mit Meinungs- und Pressefreiheit aufgewachsen. In einer Welt, in der an Schulen nicht stumpf Daten auswendig gelernt wurden, sondern wo Denken erlaubt, ja sogar erwünscht war. Ich habe eine Bildung genossen, in der interpretiert und hinterfragt werden durfte. Und ich habe in einer Gesellschaft gelebt, in der Meinungen interessiert haben. In der man bei der Arbeit erzählen konnte, welche Partei man wählte. In der Sachverhalte von unterschiedlich politisch motivierten Journalisten von verschiedenen Seiten beleuchtet und von Zeitungen abgedruckt wurden. Eine Welt, in der jede gewünschte Information verfügbar war und unterschiedliche Meinungen zugänglich, sofern man gelegentlich TV sah, einen Zeitungskiosk aufsuchte oder über einen Internetanschluss verfügte. Ich entstamme einer Generation, die für diese Freiheit nie kämpfen musste. Ich bin großgeworden und kam im Laufe meines Lebens mit jeder nur denkbaren Einstellung zu Gesellschaft, Religion oder Politik in Berührung. Mit den unterschiedlichsten Menschen habe ich diskutiert und philosophiert und das stets als Bereicherung genossen. Dennoch war es eine Selbstverständlichkeit. Und das ist es noch heute in Deutschland. Daher habe ich nichts als Fassungslosigkeit übrig für Pegida- Demonstrationen, die ich im Fernsehen sehen muss. Für Menschen, die lauthals auf die "Lügenpresse" schimpfen. Menschen, die wohlgemerkt von genau dieser "Lügenpresse" nach ihrer Meinung gefragt werden. Die für ihre Meinung nicht verhaftet werden, sondern deren Ausführungen (und seien sie auch noch so absurd) sich die ganze Nation in voller Länge und unzensiert in TV und Internet ansehen und -hören kann.

Ja, auch ich kusche, wenn es um türkische Politik geht. Meine Meinung mache ich nicht öffentlich. Aus Angst vor Konsequenzen. Aus "Bequemlichkeit" oder aus Feigheit wenn man so will. Solange man selbst ein ungestörtes und zufriedenes Leben führen kann, ist man eben still. Warum etwas riskieren?!
Umso mehr Respekt habe ich vor Menschen überall auf der Welt, die für die Meinungs- und Pressefreiheit einstehen. An Orten, an denen ihnen diese (noch) nicht zugestanden wird. Journalisten und Blogger, die schreiben und veröffentlichen. Vor einfachen Menschen, die auf die Straße gehen und für diese Rechte kämpfen und demonstrieren.

Die Freiheit, über Deutschland zu schreiben, ist mir geblieben. 

Und von diesem Geschenk, das ich mittlerweile mehr denn je zu würdigen weiß, mache ich heute Gebrauch.
Ich kann verstehen, dass viele Deutsche unzufrieden sind mit ihren Lebensbedingungen. Dass sich Menschen unfair behandelt fühlen, die Vollzeit arbeiten gehen und trotzdem eine Hartz IV Aufstockung bekommen, um die minimalen Kosten ihres Lebensunterhaltes bestreiten zu können. Dass Menschen enttäuscht sind, die Jahrzehnte arbeiteten und Beiträge zur Altersvorsorge leisteten und sich nun mit Altersarmut konfrontiert sehen. All dies sind durchaus Gründe, wütend zu werden.
Aber komplette Verständnislosigkeit stellt sich bei mir ein, wenn ich sehe, dass genau diese Menschen sich einer Organisation "gegen die Islamisierung des Abendlandes" anschließen. Als stünde Zuwanderung in irgendeinem Zusammenhang mit ihren Missständen. Erstaunlich viele Menschen, die in Städten mit geringem Ausländeranteil leben, "engagieren" sich hier. Menschen, die wahrscheinlich in ihrem Leben noch mit keinem Muslim am Tisch saßen. Die mit anderen Religionen gar nicht in Berührung kommen. Und gerade sie schreien am lautesten, haben die größte Angst, dass "das alles überhandnimmt".

Als Ausländerin und Christin in einem muslimischen Land kann ich mir annährend vorstellen, wie  sich das anfühlen muss für die Muslime in Deutschland. Würden die Menschen hier "gegen die Christianisierung der türkischen Kultur" auf die Straße gehen, ich würde mich wohl kaum noch willkommen - geschweige denn akzeptiert- fühlen.

Doch liebe "patriotische Europäer", lasst euch eines gesagt sein: Etwas mehr "Islamisierung" könnte euch nicht schaden! Mir ist nämlich bislang noch kein feindseliger Muslim begegnet. Ganz im Gegenteil- die Muslime hier sind offen und gastfreundlich, respektvoll, freundlich und interessiert an meiner Kultur. Ein Umgang, den ich mir andersherum auch wünschen würde.
Neu ist nämlich für mich das Gefühl, mich als stolze Deutsche (und europäische Patriotin- wenn man so will) nicht nur für die Vergangenheit meiner Heimat schämen zu müssen, sondern auch für die Gegenwart.

Hört auf, Menschen mit zweierlei Maß zu messen!

Hört auf, Leistungen von Deutschen über den grünen Klee zu loben und die von Ausländern unter den Tisch fallen zu lassen, deutsche Arbeitslosigkeit zu tolerieren und ausländische zu verurteilen, deutsche Kriminalität gelassen zur Kenntnis zu nehmen und euch über ausländische zu empören! Es gibt Mitglieder, die unsere Gesellschaft bereichern und leider auch Menschen, die einen geringeren Beitrag oder sogar gar keinen zum harmonischen Miteinander leisten. Diese Menschen gibt es in Deutschland, so wie es sie überall auf der Welt gibt. Es gibt sie als Deutsche, als Deutsche mit Migrationshintergrund, als Gastarbeiter, als Flüchtlinge.
Fangt endlich an, alle Mitglieder der Gesellschaft mit denselben Augen zu betrachten und hört auf, aufgrund ihrer Abstammung zu differenzieren. Mit eurem Verhalten vergrößert ihr den Anteil der Menschen, die unserer Gesellschaft schaden. Ihr zerstört Deutschland und Europa, seid eine Schande für jeden echten Patrioten, der seine Heimat zu schätzen weiß. Inklusive der Millionen Gastarbeiter, die am Wirtschaftswunder mitwirkten und der deutschen Industrie und Wirtschaft jahrzehntelang zum Erfolg verhalfen.

"Die sin ja och gar nisch gemeent!" würde der Klischee- Pegida- Anhänger nun tönen. Falsch! Wenn ihr gegen die "Ausländer" hetzt, gegen die "Asylanten" oder die "Muslime" in Deutschland könnt ihr eure peinlichen Parolen nicht abschwächen, in dem ihr hinterher behauptet, es sei nur ein Teil dieser Gruppe gemeint gewesen. "Die Bösen" eben. Oder "die Faulen".
Ich möchte übrigens in meinem Appell alle Pegida-Anhänger ansprechen. Nicht nur die Arbeitslosen. Nicht nur die, die schon mal Kaugummis an der Kasse geklaut haben. Nicht nur die mit geringen beruflichen Qualifikationen. Nein, wirklich ALLE! Wer in Deutschland unter einer Fahne marschiert, die die Worte "gegen Islam" beinhaltet, kann die Bedeutung dieser nationalistischen Geste nicht durch ein nachgeworfenes "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...."  kleinreden. Haltet einen Moment inne und werdet euch bewusst, was ihr anrichtet!

Ihr seid keine Patrioten!

"Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation bezeichnet. 
Diese Bindung wird auch als Nationalgefühl oder Nationalstolz benannt und kann sich auf ganz verschiedene als Merkmale der eigenen Nation angesehene Aspekte beziehen, etwa ethnische, kulturelle, politische oder historische.

Im Unterschied zu einer historisch-kulturellen Bindung steht der Verfassungspatriotismus für das positive Bekenntnis zu den in einer staatlichen Verfassung verankerten übernationalen ethischen und politischen Grundrechten und Wertvorstellungen. Diese beziehen sich in der Tradition westlicher Rechtsstaaten auf die unveräußerliche Menschenwürde und davon abgeleitete Menschenrechte, für die universale Geltung beansprucht wird.
Patriotismus wird heute allgemein von Nationalismus und Chauvinismus unterschieden, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Land und Volk identifizieren, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker implizit abzuwerten." sagt Wikipedia.

Wer gegen die Islamisierung des Abendlandes auf die Straße geht, darf sich nicht als Patriot bezeichnen. Weder als deutscher, noch als europäischer. Sind wir nicht stolz auf unsere Grundrechte? Auf Religionsfreiheit? Auf die unantastbare Würde der Menschen? Auf unsere Meinungs- und Pressefreiheit?
Ich bin es. Ich spreche gerne hier in der Türkei mit meinen Töchtern über die Welt, über religiöse und kulturelle Unterschiede. Über ihre "Heimat" Deutschland und über die Freiheit und gelebte Toleranz, die ich bisher immer damit verband.

Ich möchte meinen Kindern weiterhin von diesen Dingen erzählen können. Und damit die Wahrheit sagen. Ich möchte weiterhin stolz darauf sein können, Deutsche zu sein. Ich möchte, dass meine Kinder eines Tages europäische Patrioten werden!  Menschen, die die Freiheiten und Rechte würdigen die wir Europäer im Laufe der Geschichte erlangt haben, die diese schätzen, stolz darauf sind und sich für sie engagieren.
Wer dieses Ziel mit Stammtisch-Parolen und schlichtweg falschen Behauptungen sabotiert, wer einen Keil zwischen Gruppen in unserer Gesellschaft treibt, wer andere ausgrenzt und abwertet, wer sich statt für Toleranz und Miteinander für Verachtung und Gegeneinander einsetzt, für den sollte ich mir einen Ort wünschen, an den er "abgeschoben" werden kann. Unter seinesgleichen. Als unerwünschtes Mitglied unserer Gesellschaft. Das tue ich aber nicht. Ich wünsche mir für ihn, dass er es schafft, sich für seine Ziele einzusetzen und gegen Ungerechtigkeiten aufzubegehren, ohne Unschuldige dafür verantwortlich zu machen. Und dass er eines Tages die Vielfalt und Toleranz in Deutschland als Geschenk betrachten und sich daran erfreuen kann.

Freitag, 9. Januar 2015

Warum wir an guten Vorsätzen scheitern


Einigen von euch kommt mein kleines Dilemma sicher bekannt vor: Noch im Dezember macht die typisch selbstkritische und -zweifelnde Frau und Mutter sich so allerlei Gedanken über das Leben und findet auch sofort etliche Verbesserungsmöglichkeiten sich selbst betreffend. Aus der Euphorie über das bevorstehende neue Jahr und der Pefektions- und Optimierungswut entstehen dann eine Reihe gut gemeinter Neujahr-Vorsätze. Diese werden optimistisch in der Silvesternacht beim Klirren der Sektgläser leise vor sich hingemurmelt oder- noch schlimmer- laut ins Umfeld herausposaunt.

Die magische Formel

Vorsätze fasse ich grundsätzlich viele und ich habe den Eindruck, sie werden von Jahr zu Jahr mehr. Es scheint da einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen Alter, Anzahl der Kinder, Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden, Menge des zu beseitigenden Chaos, Anzahl der bereits aufgehalsten Aufgaben und der Menge der guten Vorsätze zu geben. Sie steigen nämlich propotional zueinander.
Anders verhält es sich mit der Anzahl der Stunden Schlaf, frei verfügbarer Zeit, Energielevel und den übrigen Nerven. Die Menge dieser Aspekte verläuft nämlich gegenläufig zur Guten-Vorsatz-Entwicklung.
Jemand sollte endlich eine Formel aufstellen damit dieses Problem vollständig wissenschaftlich erfasst werden kann.

Best of Vorsätze (die ich mir alle schon mal höchtspersönlich vorgenommen habe)

Falls ihr mir in Schlafentzug, Anzahl der Kinder, Alter oder einem anderen beliebigen Punkt in etwas nachsteht, liste ich euch auf, was in den nächsten Jahren an guten Vorsätzen höchstwahrscheinlich auf euch zukommt (ihr dürft die Liste gerne ausdrucken, im nächsten Dezember braucht ihr dann nur noch anzukreuzen):

  • mehr Sport (x mal die Wochen joggen/ Fitnessstudio/ Hometrainer/...)
  • gesündere Ernährung
  • nicht mehr rauchen
  • mehr trinken (Wasser)
  • weniger trinken (Alkohol)
  • mehr Zeit für die Kinder
  • mehr Geduld
  • mehr Konsequenz
  • mehr gemeinsame Aktivitäten
  • bessere Laune
  • mehr kindgerechte Förderung  
  • mehr frische Luft
  • mehr Zeit für den Partner
  • mehr aufmerksame Gesten
  • mehr Zeit für Freunde
  • regelmäßigere Kontaktaufnahme zu diversen Familienmitgliedern
  • Nestoptimierung (endlich das Kinderzimmer streichen/ Nachttischlampen kaufen, Gemüse einpflanzen, etc)
  • öfter die Küchenschränke auswischen (fällt einem ein, wenn man 1x jährlich das Raclette-Set aus den Fängen der Staubmilben befreit)
  • den Kleiderschrank aussortieren
  • mehr Engagement in Kindergarten oder Schule
  • mehr gemeinnütziges Engagement in Projekte, die man schon immer toll fand
  • mehr persönliche Fort- oder Weiterbildung
  • Zeit für die Bücher, die man schon längst mal lesen wollte
  • jeden Abend abschminken
  • endlich anfangen, dieses Anti-Aging-Zeugs um die Augen herum einzuklopfen (bevor es schimmelt)
  • mehr Zeit für sich selbst (an dieser Stelle darf laut gelacht werden)

Optionale Zusätze

Hinzu kommen Themen, über die man in den Wochen vorher zufällig stolperte und die einem wie eine gute Sache erscheinen. Frau könnte zum Beispiel versuchen, mal die Plastikabfälle der Familie um die Hälfte zu reduzieren. Oder sich mit schonendem Dampfgaren beschäftigen. Oder mal zur Darmkrebs-Vorsorge. Oder einen osteuropäischen Straßenhund aufnehmen. Und dann kommen noch die Kinder mit ihren (Schnaps)ideen. Letztes Jahr wollte ich mit der Großen täglich 15 Min. Keyboard üben. Haben wir auch gemacht - so circa 5 mal. Oder einen Tag in der Woche Englisch sprechen. Dieser Vorsatz wurde dann nachträglich auf das Tischgespräch während der Hauptmahlzeit am betreffenden Tag reduziert - und trotzdem nicht realisiert. Ihr seht: Die Liste ließe sich ewig weiterführen (Wer bietet mehr?).

Das Paradoxon

Ganz offensichtlich nehmen wir uns mehr vor, je weniger Zeit und Energie wir haben. Das mag vielleicht daran liegen, dass wir uns schon während des vergangenen Jahres aus Zeit- und Energiemangel nicht ausreichend um alle Bereiche kümmern konnten (ausreichend wohl gemerkt nach unserem eigenen, subjektiven Empfinden). Oder vielleicht steigen auch die Ansprüche an uns selbst stetig. Wo immer auch die Ursache liegen mag- Fakt ist: Je mehr Vorsätze wir haben, desto geringer die Chance, diese zu realisieren. Garniert mit der Tatsache, dass die Umsetzung umso unwahrscheinlicher wird, je weniger Zeit und Energie wir haben, ist der Frust vorprogrammiert. Spätestens Ende Januar sind wir enttäuscht von uns selbst und unsere Motivation weicht dem "Schweinehund" der Gewohnheit.

Meine Lösung

Dieses Jahr habe ich mir folgendes Vorgenommen:

KEINE Vorsätze mehr!

Das war's. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen.
Und wenn sich mal ganz unverhofft ein Zeitfensterchen auftut, dann nutze ich es mit Freude für Dinge, die mir spontan in den Kopf kommen. Für Dinge, die ich längst schon mal wieder erledigen oder erleben wollte. Und siehe da- ich habe bereits einiges erledigt, das vielleicht auf der Liste gestanden hätte, wenn es denn eine gäbe. Allerdings macht das Anpacken dieser Dinge sehr viel mehr Spaß als bisher. Eben weil sie auf keiner Liste stehen, es kein vorgegebenes Zeitfenster gibt, keinen Druck. So trinke ich gerade mein extra Glas Wasser zum Kaffee und freue mich wie blöd über die Playmobil-Kita, die ich gestern in 3 stündiger Schwerstarbeit endlich mit dem Zwerg aufgebaut habe. Nicht zu spät, nicht zu langsam sondern einfach nur so. Additional zu meinem "Tageswerk". Ein gutes Gefühl!
Und das ist es doch, warum es eigentlich gehen sollte. Oder?