Donnerstag, 24. April 2014

Buchrezension "Was will ich und wenn ja, wie viele?"


Das Buch "Was wil ich und wenn ja, wie viele?" mit pinkem Cover liegt auf dem Tisch vor einem Teller Erdbeeren und Schokolade
Heute möchte ich euch ein besonderes Buch empfehlen, das  ich während meiner Umzugs-Jetterei die letzten Wochen im Flieger gelesen habe: "Was will ich und wenn ja, wie viele?". Die Autorin Felicitas Pommerening hat mir vor einiger Zeit netterweise ein Rezensionsexemplar ihres Romans zukommen lassen (was meine Beurteilung nicht beeinflusst). Auf dem Titel kategosrisiert es sich selbst schon als "Entscheidungsroman" und diese Bezeichnung trifft es wunderbar.

Im Buch geht es um das Leben der Freundinnen Andrea, Lotta und Doreen. Alle 3 stehen  vor unterscheidlichen Herausforderungen und Lebens-Entscheidungen: Hochzeit, Familienplanung, Job im Ausland, Karrierechancen, Beziehungen. Der Roman schafft es, gänzlich ohne Hollywood-Kitsch, Übertreibungen, aufgebauschten Nervenkitzel oder unrealistische Lebenswandel auszukommen und trotzdem spannend zu sein. Gerade deshalb finde ich es so besonders und lesenswert. Es ist der erste Roman, den ich gelsen habe, der die Zwickmühle meiner Generation exakt widerspiegelt und dabei den Nagel auf den Kopf trifft.
Uns Frauen der 80er Jahrgänge wurde viel versprochen. Wir konnten eine gute Ausbildung geniessen und dachten, die Welt stünde uns offen. Jahre später finden wir uns wieder in einer Welt von befristeten Arbeitsverträgen, haben die Wahl zwischen Stellen, die uns unterfordern oder bis zum Burnout alles abverlangen. Wir haben so viele Optionen, dass es uns schwer fällt, uns auf etwas festzulegen. Wer sich für eine Beziehung entscheidet, sollte nicht um die Welt jetten. Wer sich für Familie entscheidet, sollte keine verantwortungsvolle Position im Job übernehmen. Oder doch? Können wir alles haben? Und wenn nicht, wie setzten wir die richtigen Prioritäten? Und kann man überhaupt alles planen oder sind es nicht gerade die Überraschungen im Leben, die uns den Weg vorgeben? Kopf oder Herz?
Die Gespräche und Gedanken der Charaktere im Buch beleuchten Optionen und Situationen von unterscheidlichen Seiten und geben uns Gelegenheit, uns überall ein bisschen wiederzufinden. Ein ehrlicher Einblick in das Lebensgefühl einer Generation, die unseren Politikern zu wenig Kinder beschert. Vielleicht sollten einige davon genau dieses Buch lesen, bevor sie sich weiterhin in abstrusen Lösungsvorschlägen verstricken.

Mein Exemplar habe ich bereits weiterverliehen (allerdings an keinen Politiker). Bin schon gespannt, auf weitere Werke der Autorin...

Freitag, 11. April 2014

Warum wir nicht ins Fernsehen wollen

wie ein "Goodbye Deutschland" Dreh wirklich abläuft

 









 










Kurze Frage vorab:
Wer hat schon mal "Goodbye Deutschland" angeschaut und sich dabei gefragt, warum dort hauptsächlich Auswanderer mitmachen, die kein Kapital haben (oder besser noch: Schulden), keinen festen Job in Aussicht und nicht einmal die Landessprache sprechen?
Da kommen Menschen auf die Idee, in Mallorca ein Solarium zu eröffnen, ihr Leben für eine 2wöchige Urlaubsromanze hinzuschmeissen oder mit 500€ und Kind im Gepäck nach Kanada zu reisen, um sich dann darüber zu wundern, dass man für eine Wohnung (die man noch nie gesehen hat) Kaution hinterlegen muss.

Ich habe heute des Rätsels Lösung für euch. Es kann nur 2 plausible Erklärungen dafür geben:
ENTWEDER weil jeder vernünftige Auswanderer keine Lust hat, genauso hingestellt zu werden ODER die gezeigten Auswanderer haben in Wirklichkeit einen Plan mit Hand und Fuß, der aber leider in der TV-Darstellung nicht gezeigt wird.

Aber nun dazu, wie ich zu dieser weisen Erkenntnis gelangt bin:
Seit geraumer Zeit melden sich diverse TV-Produktionsfirmen aus ganz Deutschland bei mir (es müssten mittlerweile 6 oder 7 sein), die von VOX mit dem Dreh verschiedener Auswanderer-Sendungen betraut wurden. Sie alle sind durch meinen Blog auf unsere Auswanderer-Geschichte gestossen und sehr interessiert, diese in die Welt zu tragen.
Bei der ersten Kontaktaufnahme war ich überrascht und natürlich auch ein bisschen geschmeichelt (wer denkt schon, dass die Redaktionen Kontakt zu den Kandidaten aufnehmen und nicht andersrum?!). Also haben wir heiss in der Familie diskutiert, sind immer wieder auf die Ausgangsfrage dieses Artikels zurückgekommen und haben uns dann entschieden, uns zu einem Telefonat breitschlagen zu lassen um uns zumindest die Konditionen mal anzuhören.

Jetzt interessiert euch sicher: Was bekommen die Darsteller?
Da ich mir der rechtlichen Konsequenzen nicht sicher bin, werde ich die Zahl, die uns angeboten wurde, mal aus meinen Bericht heraushalten. Nur soviel: Üblicherweise bekommen die Darsteller laut Produktionsfirma zwischen 600 und 1000 Euro (uns wurde etwas mehr angeboten, aber vielleicht erzählen sie das auch jedem). Alle zusammen. Für alle Drehtage. Welcher Aufwand damit verbunden ist, erfahrt ihr gleich.

Nach dem Telefonat haben wir uns zu einem sogenannten "Casting" überreden lassen. Denn es läuft so:
Die Produktionsfirmen drehen Probeaufnahmen, die sie bei VOX vorstellen. Der Sender lehnt die Teilnehmer dann entweder ab oder sagt zu. Wir haben uns also entschieden, diese Probeaufnahmen machen zu lassen und dachten uns: "Falls VOX zusagt, können wir uns immer noch überlegen, ob wir überhaupt mitmachen wollen".

Die Firma kündigte die Aufnahmen als einen kurzen sonntäglichen Besuch an, bei dem sie uns ein bisschen im Familienalltag filmen wollten. Ausserdem seien kurze Interviews geplant, in denen wir uns eben vorstellen und ein bisschen was zu unserem Istanbul-Vorhaben erzählen sollten.
Der kurze Besuch artete in ein 6stündiges Kreuzverhör aus, bei dem unsere Wohnung umgestellt und umdekoriert wurde und der damit endete, dass ich mit den Kindern zu meiner Mutter floh um ihnen dort etwas zu Essen zuzubereiten, da ich während des Drehs in meiner eigenen Küche nicht kochen durfte (störende Hintergrundgeräusche).
Wohlgemerkt waren diese Aufnahmen nur für interne Zwecke gedacht, es war von Anfang an klar, dass nichts davon je ausgestrahlt werden würde.

Ich dachte ja immer: "Wer im TV negativ rüberkommt, ist selber schuld."
Schliesslich können sie ja nur zeigen, was wirklich gesagt wurde.
Wer schon mal 3 Stunden lang Fragen beantwortet hat, deren Antworten zu einem 90 Sekunden-Clip zusammengeschnitten werden, weiss: Dem ist nicht so!

Schon zu Beginn meines "Interviews" beschlich mich der leise Verdacht, jemand sei auf der Suche nach dem ganz großen Drama. Ich hatte im Vorgespräch schon meine Zweifel angesprochen, ob wir die richtige Familie für das Format seien. Sie wussten, dass Job, Finanzen, Wohnung, Schule, einfach sämtliche Rahmenbedingungen von langer Hand geplant und gut organisiert waren. Trotzdem waren sie sehr interessiert an unserer Story, wichtig sei ja auch eine gewisse Vielfalt.
Anscheinend jedoch gibt der Sender den Rahmen der "Doku" so vor, dass nicht sachlich berichtet werden kann, sondern ein riiiiiiesger Spannungsbogen aufgebaut werden soll. Der Zuschauer muss wohl mitfiebern, ob alles gut wird und wichtig ist, dass das Schicksal sämtlicher Beteiligter während der Sendung mindestens einmal auf der Kippe steht.
In stundenlangen Suggestivfragen wird man also mit seinen Antworten dahin gedrängt, wo man eigentlich überhaupt nicht hinwollte.
Ein kleines Beispiel:
Ausgangsfrage: "Was glaubst du denn, wird euer gesamtes Auswander-Vorhaben eher gutgehen oder scheitern?"
Meine 1. Antwort: "Natürlich glauben wir daran, dass alles gutgeht. Ansonsten würden wir auf keinen Fall hier alle Zelte abbrechen und die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen."
Es folgte ein 30minütiges Nachhaken der Fragestellerin (meine Antwort war wohl nicht zur Zufriedenheit). Mit Fragen wie "Aber wenn etwas schiefgehen WÜRDE, was könnte das dann sein?" nahm die Tragödie ihren Lauf bis letztendlich genug Material verfügbar war für eine Antwort à la:
"Ich habe große Angst, dass alles schiefgeht, weil in der Türkei so viele Moslems leben."
Wer scharfsinnig ist, hat bestimmt bemerkt, dass diese Aussage mit meiner ursprünglichen Antwort auf die Frage so gar nichts mehr zu tun hat. Würde ich auch niemals sagen. Könnte man sich aber so zusammenschneiden nachdem ich alle kulturellen Unterschiede genau spezifizieren sollte. Unterlegt mit etwas düsterer Musik vermittelt das zum Einstieg einen ganz authentischen Eindruck von mir ;-).
Nachdem also sämtliche Bereiche abgeklopft und wohl kein ausreichend großer Skandal gefunden wurde, hatte die Produktionsfirma dann doch noch eine zündende Idee. Mir wurden fortan Fragen gestelllt, deren Antwortschnipsel sich gut zum Thema "letzte Chance für die Ehe" zusammensetzen lassen könnten. Untermalt mit einer traurigen Ballade könnte ich mich so in die arme Ehefrau transformieren, die sich für die berufliche Verwirklichung ihres Mannes opfert. 

Um es kurz zu machen: Nach Abzug der Produktionsfirma waren wir alle runter mit den Nerven. Und nachdem wir unsere Möbel wieder an die richtigen Stellen gerückt (für jedes Interview musste eine eigene "Kulisse" gebaut werden) und die Gespräche verdaut hatten, waren wir uns alle 4 einig:
Wir werden den "Assis", über die wir alle so gern lästern, den Vortritt lassen (oder denen, die dort fälschlicherweise so hingestellt werden).

VOX wollte uns übrigens gerne sehen und auch die Produktionsfirma ließ nichts unversucht nach unserem Dreh. Sogar die Gage erhöhten sie nochmals. Wir hätten zwar unsere Vorteile gehabt (die Sendung wäre perfekt gewesen, um ein anstehendes berufliches Projekt bei meiner Zielgruppe zu promoten), aber das fürchterliche Bauchgefühl kann man sich nicht schönreden. Übrigens hat man keinerlei Mitsprachrecht, wie die Firma Bild- und Tonaufnahmen verwendet und in welchem Zusammenhang alles letzten Endes zusammengeschnitten wird. Die Folge bekommt man als Darsteller auch vor der Ausstrahlung nicht zu sehen, das sei "organisatorisch unmöglich" (sie werden ihre Gründe haben). Für eine 90minütige Sendung wird 6 Tage lang voll gedreht, und daraus dann das "beste" Material zusammengeschnitten.

Wir nehmen mit: Einen Einblick in "Reality-Dokus", der tatsächlich "real" war. Und eine völlig neue Zuschauerperspektive wenn "Goodbye Deutschland" läuft. Statt uns über die Teilnehmer das Maul zu zerreißen mutmaßen wir nun, wie sich alles im "Real Life" zugetragen haben könnte....

Auf diesem Weg möchte ich auch gleich sämtlichen TV-Produktionsfirmen mit auf den Weg geben, dass eine Anfrage reine Zeitverschwendung ist. Gerne wären wir bereit gewesen, einen Einblick ins wahre Leben mit allen Freuden und Problemen beim Auswandern zu gewähren. Aber wie es scheint, sind die Zuschauer noch nicht bereit für Realität in "Reality-Dokus". Oder sind es die Sender???







Mittwoch, 9. April 2014

Finden Kinder schnell neue Freunde im Ausland?

von kleinen Menschen und großen Sorgen


Huch...da ist man im Stress und schon ist's passiert: 4 Wochen ohne Blogpost!
Hier habt ihr mich also wieder. Sicher habt ihr euch gefragt, wohin ich verschwunden bin. Nicht in die Versenkung, soviel steht schon mal fest. Hauptsächlich befand ich mich die letzten Wochen desorientiert in einer Garage zwischen Umzugskartons, schlafend und lesend im Flieger (Buchempfehlung folgt), Verwirrung stiftend zwischen Ikea Möbeln (Merke: Verbindungsstifte lassen sich nur mit dem Bohrer wieder aus den falschen Öffnungen fräsen) und Haare raufend im Istanbuler Verkehr.

So weit die Kurzfassung. Mit den Details möchte ich euch nicht langweilen, denn im Grunde bringt unser Auswandern die selben Komplikationen, den selben Stress und das selbe Chaos wie jeder andere Umzug auch mit sich (nur mit etwas mehr Papierkram und längeren Fahrt-/Flugzeiten und nicht zu vergessen die pantomimischen Showeinlagen bei sämtlichen Erledigungen).

Vom vorletzten Wochenende möchte ich euch aber mehr berichten, denn es war ein ganz besonderes.
Ich hatte mich entschieden nur mit der Großen nach Istanbul zu fliegen (Zwerg wurde bei Oma geparkt), wo wir Papa besuchten, der dort schon arbeitet. Die Große ist eigentlich immer etwas zerstreut und schusselig, in den letzten Wochen aber noch mehr als sonst. Mit knapp 9 Jahren ist man sich der Tragweite eines solchen Umzuges immerhin ansatzweise bewusst und eine neue Schule und Umgebung, in der einen keiner versteht, können schon mal beängstigend sein. Ihre grösste Sorge war, dass sie keine neuen Freundinnen finden würde. Immerhin hat sie einige Wochen nach dem endgültigen Umzug Geburtstag und sie sah sich wohl schon ohne Kinder auf ihrer alljährlichen Geburtstagsparty sitzen. Sie macht sich seit geraumer Zeit ganz intensiv Gedanken und ist ständig abgelenkt und zerstreut. Mir war also wichtig, dass sie endlich die neue Wohnung und Umgebung kennenlernt, damit sie etwas besser einschätzen kann, was auf sie zukommt. Um ehrlich zu sein ging mir ordentlich die Düse auf dem Weg vom Flughafen zur Wohnung. Unsere Wohnung ist wirklich toll: Größer und heller als die bisherige, die Kinder haben ihr eigenes Badezimmer, Pool und Spielplatz sind direkt vor der Tür. Aber wer Kinder hat weiss: Man kann nie wissen. Ich habe noch gut die Krokodilstränen in Erinnerung, als wir vor Jahren das erste mal innerhalb der selben Ortschaft umzogen. Obwohl sie in der vorherigen Wohnung nur ein "halbes" Kinderzimmer besaß und in der neuen Wohnung ein schönes, großes. sie war damals wochenlang niedergeschalgen da sie ihren Kletterbaum im Garten vermisste.

Zum Glück waren meine Befürchtungen unbegründet, denn sobald wir die Große in die Wohnanlage geführt hatten, war sie außer sich vor Freude. Die Wohnung war erstaunlicherweise erstmal zweitrangig, zu einer kleinen Führung mussten wir sie regelrecht überreden. Aber die Umgebung hatte es ihr angetan. Wir wohnen dort in einer privaten Anlage mit mehreren Wohnkomplexen, die von der Umgebung etwas abgeschirmt sind. Durch den Security-Service kommt nur rein und raus, wer sich auch dort aufhalten sollte. Und innerhalb der Anlage gibt es mehrere Pools, Spielplätze, Fitnessstudio, Sauna, Hamam, Hallenbad und eine Art Lobby, die von allen Bewohnern genutzt werden können. Das hat sie völlig von den Socken gehauen. Sofort wollte sie nach einer kleinen Tour mit uns alles alleine unter die Lupe nehmen. Das Schönste: Nach 10 Minuten stand sie wieder vor der Tür und fragte, ob sie mit ihren neuen Freundinnen Basketball spielen dürfe. Neue Freundinnen? Ja, ganz recht. Die Große hatte es tatsächlich geschafft, innerhalb von Minuten eine ganze Horde Mädels zu finden, die sie herzlicher empfingen, als wir uns das je vorgestellt hatten. Sofort wurde sie von allen umarmt, gebusserlt und herumgeführt. Und so spielte sie den restlichen Tag und den ganzen Folgetag mit ihren neuen Freunden zwischen Lobby, Crosstrainer und Basketballkorb. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie sie sich verständigt haben. Aber irgendwie muss es geklappt haben, denn immerhin konnte mir die Große hinterher erzählen, wer wie alt sei und wo sie alle wohnten.

Ich finde es bewundernswert, wie unvoreingenommen und mit welches Offenheit Kinder aufeinander zugehen können. Wie sie sich auch durch Sprachbarrieren und offensichtliche, kulturelle Unterschiede nicht beirren lassen und es trotzdem schaffen, herzliche Kontakte zu knüpfen. Nach dem Wochenende hätte die Große am Liebsten den Zwerg einfliegen lassen und wäre sofort dort geblieben. Leider haben wir noch einigen Papierkram und Organsiatorisches zu erledigen. Und so sitzen wir nun wieder in good old Germany.
Jetzt freut sie sich auf jeden Fall rieig auf den Sommer und 3 laaaaange Monate Sommerferien die vor ihr liegen mit Pools und haufenweise netter Kinder direkt vor der Tür. Bleibt nur noch die nachvollziehbare Angst vor der neuen Schule. Die werden wir allerdings nächste Woche vor Ort mal genauer unter die Lupe nehmen. Und ich hoffe sehr, dass sie sich brav einreiht in unsere unsagbar vielen, tollen Istanbul-Erfahrungen, die wir bisher erleben durften.

Erfahrungsbericht folgt ;-) ...