Freitag, 7. Februar 2014

Der MILF-Wahn



Lara Fritzsche hat Ende Januar mit ihrem Artikel Unguter Hoffnung im Online Magazin der Süddeutschen für Zündstoff gesorgt. Im Artikel geht es um Essstörungen in der Schwangerschaft. Und zwar nicht um die der Sorte " Ich mag jetzt Gurke mit Nutella". Laut verschiedener neuer Studien ist ein erheblicher Teil der Schwangeren entweder von einer Essstörung betroffen, oder zeigt Tendenzen zu dieser. 

Mich persönlich wundert das wenig, kenne ich doch selbst einige Mütter, die während der Schwangerschaft täglich auf der Waage standen und niemals mehr als unbedingt notwendig zu sich genommen haben, nur um hinterher schneller wieder "in Form" zu sein. 

Natürlich, es gibt für die meisten von uns angenehmere und einfachere Dinge als Abnehmen. Aber mal ehrlich: Wie konnte es denn soweit kommen, dass Frauen die ein Kind erwarten sich schon in der Schwangerschaft darüber den Kopf zerbrechen? Sollten sich unsere Gedanken und Gefühle nicht um andere Dinge drehen (dürfen)? 

Vielen Schwangeren wird gesagt, dass sie fett sind

Problem ist unter Anderem, die Reaktionen des Umfelds auf die Schwangerschaft. Auf Twitter finden sich unter dem Hashtag #alsichschwangerwar unzählige Beweise dafür, dass anscheinend bei vielen Menschen sowohl Verstand als auch Anstand flöten gehen, sobald sie eine Schwangere sehen. Ich muss ehrlich gestehen, dass auch ich gelegentlich perplex war, mit welcher Unverfrorenheit teilweise völlig Fremde während meiner Schwangerschaften meine Figur kommentierten.

“Du kriegst nix, du wirst zu dick!” - eine Kollegin in der Kantine. Ich war bei 61 Kilo auf 1,78 m... 

Du bist aber megafett geworden (Hochsommer, Wasser, 8-9. M) 

Deine schwangerschaftsübelkeit kann ja gar nicht so schlimm sein bei deinen vollen Backen  

Wenn’s ein Junge wird, gewinnt die Frau an Schönheit, bei einem Mädchen andersrum. Bei Dir wird’s bestimmt ein Mädchen. 

bin im 5 Mon und muss jetzt schon solche Sprüche hören, wie: "bist Du sicher das es ein Junge wird, bei Deinen Hüften? 

Kenne mehrere #Frauen, die allein aus Angst vor Gewichtszunahme nicht #schwanger werden wollen. Ja, soweit ist es schon.  

"Ist das normal, dass man so zunimmt? Du warst doch so schlank!"  

Abschätzender Blick von meiner Mutter:"Jetzt sollte aber langsam mal Schluss sein mit Zunehmen." 9. Monat +14kg  

"Und wie lange dauert's dann, bis du das alles wieder runter hast?" 

"Jetzt musst du viel laufen, immer laufen. Und nach der Geburt auch, damit du schneller abnehmen kannst."
 

Auch ich erinnere mich noch gut an eine Situation im Imbiss, als mir ein Verkäufer in der 39. Woche weismachen wollte, ich bekäme bestimmt Zwillinge. Auch mein Argument, das hätten Ärzte bei einer der 10 Ultraschalluntersuchungen sicher bemerkt, ließ er nicht zählen. Ich solle bei der Geburt nicht überrascht sein, sagte er mir. Er sollte nicht überrascht sein, wenn ihm sein Essen gleich um die Ohren fliegt, hätte ich gern erwidert. 
Getraut hab ich mich aber nicht, denn Verstand und Anstand hatte ich ja behalten.

Kein Wunder also, das nach solchen Sprüchen viele Schwangere das Gefühl haben, optisch irgendeinem Idealbild entsprechen zu müssen um diese negativen Kommentare einzudämmen.

Was erwartet die Gesellschaft von Müttern?

Seit Jahren sind wir Medien ausgesetzt, die sich überschlagen vor Begeisterung und Lobeshymnen auf Top-Models und Stars, die wenige Wochen nach der Geburt "besser denn je" aussehen. 
Nie hat es uns gestört, dass in Hollywood-Movies jeder Stunt und Special Effect bis ins kleinste Detail realitätsnah durchgeplant ist wohingegen eine Darstellerin, die "schwanger" sein soll maximal ein Mini-Kugel unters Shirt geschoben kriegt (die am Tag der "Geburt" wieder entfernt wird). Tataaa- sieht sie nicht toll aus?! "Besser denn je"?

Diese Bilder scheinen die Erwartungshaltung an Schwangere und Mütter inzwischen mehr als nur geprägt zu haben. Es ist soweit gekommen, dass viele Kinderlose ihre Vorstellungen eher am Medienbild, als an realen Frauen orientieren. Leidtragende sind ungerechterweise die realen Mütter.

Selbst wenn man die Schwangerschaft ohne Komplexe überstanden hat, geht der Spießrutenlauf nach der Geburt weiter

"Zeig mal deinen Bauch" hörte ich mehrfach noch im Krankenhaus nach meiner ersten Geburt.
Ähhhm....Wie bitte? "Können wir danach im Gegenzug mal deine Hautunreinheiten und dein Winkfleisch unter die Lupe nehmen?" wäre eine angemessene Reaktion. Sagt man aber nicht, denn da ist ja die Sache mit dem Verstand und dem Anstand.
Das Rollenbild, dem eine frisch gebackene Mutter mittlerweile entsprechen soll, hat groteske Züge angenommen. Da kündigen sich kurze Zeit nach der Geburt Besucher an, die dann tatsächlich erwarten, eine schlanke Mutter in gebügelter Bluse mit frisch gewaschenen Haaren anzutreffen, die im Idealfall auch noch 2 Kuchen gebacken hat und deren Kind den Kaffeeklatsch nicht unterbrechen, sondern stattdessen selig schlummern und süß aussehen soll.
Wenn dann ein bleicher Zombie im Schlabberlook die Tür öffnet, der versucht sein kolikgeplagtes Kind im Fliegergriff zu beruhigen, sind viele Kinderlose sichtlich irritiert.

Undercover Mom: Immer schön die Selbe bleiben!

Neue Ziele für Deutschland:
Während der Schwangerschaft "unschwanger" aussehen.
Umgehend nach der Geburt wieder aussehen wie zuvor.
Noch in der Klinik Bescheid geben, wann man denn gedenkt, sein altes Leben wieder aufzunehmen

Seltsamerweise scheint es für eine breite Schicht der Gesellschaft heutzutage wichtig zu sein, dass Eltern möglichst kinderlos wirken. Dass man weder dem Körper einer Frau oder noch ihrer Wohnung ansieht, dass sie Kinder hat, scheint ein erstrebenswertes Kompliment geworden zu sein.
Bekommt Kinder aber bitte!- lasst es euch nicht anmerken.
Verändert euch körperlich nur minimal! Geht mit Leidenschaft eurer Arbeit nach! Behaltet eure Lebenseinstellung und Prioritäten um Himmels Willen bei! Seid aktiv, gestaltet eure Freizeit wie vorher!
Ob im Restaurant oder im Hotel, leider scheinen Kinder nicht als wertvoller Teil der Gesellschaft, sondern stattdessen als Störfaktor wahrgenommen zu werden. 
Umso wichtiger für Eltern, als störungsfrei zu gelten.

Wollen wir tatsächlich dorthin? Wir sind leider auf dem besten Weg...

Umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die sich damit auseinandersetzen und sich gegen den Trend auflehnen.

Wie Ashlee Wells Jackson, die mit ihrem Projekt 4th Trimester Bodies Project  für ein realistischeres Körperbild kämpft und Frauenkörper nach einer Geburt fotografiert - ohne Photoshop.

Oder der amerikanischen Website the shape of a mother, die ebenfalls echte Mütter zeigt, inklusiver aller Schwangerschafts-Relikte wie Dehnungsstreifen und schlaffer Haut.

Bleibt zu hoffen, dass auch in Deutschland die Stimmen für ein gesundes, realistisches Mütter-Bild lauter werden!





Kommentare:

  1. Sehr pointierter Beitrag - gefällt mir sehr gut!
    Interessant auch deine Theorie der "undercover Schwangeren", die möglichst schon während der Schwangerschaft unschwanger aussehen soll. Ähnlich verhält es sich ja auch mit unserem gängigen Schönheitsideal - eine Frau ist umso schöner, je schlanker sie ist, je weniger vorhanden sie ist, je weniger von ihr da ist. Eigentlich ganz schön traurig...

    Liebe Grüße
    deine Julia

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    1. Liebe Julia,
      vielen Dank für dein Feedback über das ich mich ganz besonders freue, da ich schon einige deiner "coaching to go" Posts gelesen und geliebt habe :-)
      Ja, diesem immer groteskeren Schönheitsideal muss endlich mal die Stirn geboten werden. Scheint so, als käme es nicht nur mir so vor, dass das Ganze langsam ausartet. Mit unseren Gegendarstellungen können wir als Blogerinnen wenigstens anfangen, einen Teil zur veränderten Medienwelt beizutragen. Ich hoffe natürlich, dass noch viele weitere mitziehn!

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  2. Kann ich bestätigen. In meiner Schwangerschaft hatte ich wegen permanenter Übelkeit gerade mal 6 Kilo zugenommen und wurde von allen Seiten dafür gelobt (sogar von meinem Frauenarzt!) während ich mir Sorgen gemacht hatte, ob es meinem Kind nicht an etwas fehlen könnte.
    Sie kam aber zum Glück mit 3450gr und kerngesund zur Welt.

    Warum gilt es als Leistung in der Schwangerschaft sein Kind durch Mangelernährung zu gefährden und als Totsünde seinem Kind im ersten Lebensjahr z.B. Kuhmilch zu essen zugeben?

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    1. Wenn sogar Ärzte an ein ungesundes Körperbild befürworten, ist das besonders traurig.
      Ich hoffe inständig, dass die meisten Schwangeren von ihren Ärzten bekräftigt werden, sich gesund und ausreichend zu ernähren und ihre körperlichen Veränderungen mit Stolz anzunehmen, denn das ist ihre Aufgabe.
      Und dass der Körper einer Mutter nicht nach Makeln "gescannt" wird, sondern mit Achtung und Respekt betrachtet wird, für das was er geleistet hat: Nämlich das höchste, zu was der menschlicher Körper überhaupt imstande ist, ein Kind zu gebären!

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  3. Hallo, ich habe gerade deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen. Aber was hat der Titel des Beitrags "Der MILF-Wahn" mit dem Inhalt dieses Beitrags zu tun? Ist dir bewußt, welche Abkürzung (MILF) du in diesem Zusammenhang verwendest?

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    1. Hallo,
      MILF steht für "Mom I'd like to fuck".
      Fand sich dieser Titel früher eher auf youporn oder bei Telefonsexwerbung, wird er heute zu einem weiteren Zweck verwendet: Um Produkte mit der Zielgruppe Mütter zu bewerben. Wusstest du, dass es ein MILF-Diätbuch gibt? Vorher/Nachher MILF-Umstylings (Brigitte)? Und Fitnesstraininer nennen sich selbst "MILF-Macher"?
      Mütter sollen also MILFs werden (wollen).
      Da es in meinem Post um das veränderte, gestörte Bild der Gesellschaft von Schwangeren und jungen Müttern und die daraus resultierende Verunsicherung bei eben dieses geht, finde ich diesen Titel ziemlich passend ;-)

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  4. Danke für den tollen Artikel, ich habe gerade genau damit zu kämpfen, mein Baby ist jetzt 3 Monate alt und ich sehe immer noch schwanger aus und fühle mich so hässlich und fett. Ich habe das Gefühl, dass ich die einzige Mutter bin die es nicht schafft abzunehmen und musste mir nach der Geburt ständig Sätze anhören wie "wann ist es denn bei ihnen so weit" oder "in welchem Monat sind sie dann" das hat mich voll fertig gemacht, aber ehrlich gesagt ist es mir wichtiger wie es meinem Baby geht und ich habe einfach nicht die zeit und die Kraft sport zu treiben und Diäten möchte ich auch nicht, da ich ja auch stille, und meine Hebamme gesagt hat, dass durch Diäten die muttermilch weg bleiben kann oder mein Baby Schadstoffe abbekommen kann. Ich wäre auch gerne wieder dünner, aber mein Baby ist mir wichtiger.

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    1. Deine Hebamme hat vollkommen Recht. Der Körper speichert Schadstoffe wie Umweltgifte im Fett ab und setzte diese wieder frei, wenn sich die Fettzellen "auflösen". Nimmt man während der Stillzeit zu schnell ab, werden die freigesetzten Schadstoffe vom Körper durch die Muttermilch abtransportiert, das Baby bekommt sie also ab.
      Dass du 3 Monate nach der Geburt weder Lust auf Diät, noch auf Fitnessstudio hast, ist vollkommen verständlich.
      Ich erinnere mich noch gut, wieviel Überwindung mich meine 5-10 Minuten Rückbildungsgymnastik jeden Abend auf der Couch gekostet haben, ich war einfach zu erschöpft.
      Es ist richtig und wichtig, dass die die Gesundheit deines Babys (und auch deine Erholung) wichtiger sind als die Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die keine Ahnung haben, welche körperlichen Veränderungen eine Schwangerschaft mit sich bringt.
      Ich wünsche dir, dass du dich wieder schön fühlst und diese blöden Kommentare nicht so zu Herzen nimmst. Und dass du es dann schaffst, dein Wunschgewicht von ganz alleine zu erreichen, wenn du (und dein Körper) soweit bist. Und das ohne Fitness-Wahn oder Essstörung.
      Alles Liebe!

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  5. Ein super gefährlicher Trend. Zum Glück habe ich das in der Schwangerschaft nicht so extrem erlebt. Ich war mein Leben lang noch nie richtig schlank und bin die dummen Kommentare wahrscheinlich einfach gewöhnt. Im Gegenteil, als ich schwanger war, habe ich mich zum ersten Mal nicht geschämt und ganz wohl gefühlt in meinem schwangeren Körper. Leider sind meine Schwangerschaftskilos geblieben. Damit bin ich nicht glücklich, aber ich versuche mich nicht unter Druck zu setzen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder das lernen. Wir essen gesund, ich achte darauf, dass wir nicht zu viel naschen und ich fange langsam jetzt auch wieder an, mehr Bewegung in den Tag einzubauen.
    Vielleicht habe ich es ein bisschen leichter als Frauen, die vor der Schwangerschaft/Geburt schlank waren. Ich habe einen Mann, dem mein Gewicht schon immer egal war und auch mein Umfeld kennt mich ja nur rundlich. Ob das jetzt noch etwas mehr ist, spielt anscheinend keine Rolle (krass formuliert: die ist eh fett, da ist es egal). So hat man mich damit weitgehend verschont, ich kenne den Wahn aber durchaus von anderen und finde das ganz gruselig. Richtig Sorgen mache ich mir um meine Tochter. Mit meinen Genen wird sie es später nicht leicht haben. (Mein Sohn wahrscheinlich auch nicht, aber bei Männern wird es ja meistens nicht ganz so kritisch gesehen).

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